Charvet: Ideen für den Regenbogen

Charvet: Ideen für den Regenbogen

Die Geschwister Anne-Marie und Jean-Claude Colban erbten Charvet einst von ihrem Vater. Und fanden dadurch nicht nur einen Beruf, sondern eine Lebensaufgabe. (Foto: Daniel Feistenauer)

Madame Colban möchte zuerst das zweite Stockwerk zeigen. Sie führt in einen kleinen dunklen Fahrstuhl, der die sechs Etagen in dem Gebäude mit den großen Rundbogenfenstern an der Pariser Palace Vendrôme miteinander verbindet. Jede einzelne Etage gehört zu Charvet, einem Unternehmen, das seit 1838 auf maßgeschneiderte Herrenhemden spezialisiert ist. Charvet stattet aber auch mittlerweile den gesamten Kleiderschrank aus: Auf dem fünften Stockwerk werden beispielsweise Anzüge geschneidert, auf dem dritten findet sich Nachtwäsche. Auf dem zweiten Stockwerk entstehen die Hemden. Vor allem hier erfährt man, was dieses Unternehmen so besonders macht, dass ergebene Kund:innen aus der ganzen Welt immer wieder hierherkommen. Hier werden Körpermaße und Bestellungen noch mit Bleistift auf Kärtchen dokumentiert. Schneider:innen stellen für jede:n Stammkund:in Papieralben zusammen und kleben darin Stoffproben ein, von denen sie glauben, sie könnten der Person gefallen. Während des Fertigungsprozesses wird erst einen Hemd-„Prototyp“ hergestellt – die Basis für das perfekt sitzende maßgeschneiderte Endprodukt.

Es ist ein Ort, der sich absetzt von den Boutiquen namhafter Luxusmarken, die sonst in der Gegend zu finden sind. Charvet macht keine Werbung, nirgends. Es gibt einen Instagram-Account, aber auf dem sei man, wie Anne-Maire Colban zugibt, „nicht sehr aktiv“. Die zierliche Frau mit dem Hauch einer Stimme, einem dunkelbraunen Bob und navyfarbener Kleidung sitzt in einem alten Ledersessel im Büro. Dieses gehörte einst ihrem Vater, heute teilt sie es sich mit ihrem Bruder Jean-Claude. Hier hängen historische Dokumente, wie ein Papier, das „Monsieur Charvet“ als offiziellen Hoflieferanten des Prince of Wales auszeichnet. Das Haus hat Persönlichkeiten von Winston Churchill über Marcel Proust hin zu John F. Kennedy ausgestattet, heute gelten Stars wie Sophia Coppola als Kund:innen. Über sie sprechen wollen die Geschwister allerdings nicht, der Fotograf wird ermahnt, keine Dokumente aufzunehmen, auf denen Namen zu sehen sein könnten. Umso bereitwilliger erzählen sie von ihrer Familiengeschichte. Ihr Vater Denis Colban kaufte Charvet im Jahr 1965 der Gründerfamilie ab. „Er war einer der Stofflieferanten des Unternehmens“, sagt Jean-Claude Colban. Als die Charvet-Familie dieses verkaufen wollte, sah ihr Kunde, der französische Präsident Charles de Gaulle, die Zukunft seines geliebten Chemisiers in Gefahr. „Man wusste, dass ein amerikanischer Käufer interessiert war. Also schlug Charles de Gaulle unserem Vater vor, er könne doch Charvet kaufen.“

Ein Ort wie aus einer anderen Zeit: Im Erdgeschoss von Charvet werden die Konfektionsware sowie die Accessoires des Hauses verkauft. (Foto: Daniel Feistenauer)

Colban ließ sich überzeugen. Heute sei man der letzte Chemisier von Paris, sagt Jean-Claude Colban. „Dabei war diese Art von Betrieb eine Pariser Spezialität. Die Menschen sind wegen der Hemden hierhergekommen.“ Heute kommen sie wegen der Hemden von Charvet. Im zweiten Stockwerk werden die Hemdenstoffe aufbewahrt, unzählige aufeinandergestapelte Stoffrollen, die nach Farben sortiert sind – hier rosa, dort Flieder, und dort ein ganzes Regal voller unterschiedlicher Weiß-Nuancen. Über 100 Schattierungen gibt es und über 400 Texturen und Webarten. „Dieser Ort vermittelt einen Eindruck davon, wie es bei Charvet früher aussah“, sagt Jean-Claude Colban. Ursprünglich befand sich das Unternehmen an der Rue de Richelieu: Joseph-Christophe Charvet, dessen Vater für die Garderobe von Napoleon Bonaparte zuständig war, gründete das Unternehmen und zog später damit an die Place Vendôme. Anstatt wie andere Chemisiers die Kunden in ihrem Zuhause zu besuchen, um Maß zu nehmen, lud Charvet sie dazu ein, ins Atelier zu kommen und dort aus einer riesigen Auswahl an Stoffen und Farben die favorisierte Kombination zusammenzustellen. Die schiere Menge ist bis heute das entscheidende Element. Sie macht den Besuch bei Charvet zum außergewöhnlichen Erlebnis. „Charvet ist der Ort, an dem der Regenbogen seine Ideen findet“, lautet ein Satz des Kunden und Künstlers Jean Cocteau.

Doch es war auch der Vater der Colban-Geschwister, der es verstand, die Expertise der Firma gewinnbringend zu inszenieren. Die Regale und Schränke aus Eichenholz, die er nach dem Kauf im Unternehmen vorfand, ließ er schwarz anmalen, damit die Farben der dort aufbewahrten Stoffe besser zur Geltung kamen. Sie füllen die Räume bis heute. „Schwarzes Mobiliar war damals unüblich“, sagt Jean-Claude Colban. Seine Schwester und er mögen auf den ersten Blick ein eher archaisches Konzept von Mode verkaufen – die immer gleichen Produktkategorien, das traditionsreiche Handwerk – doch in Wahrheit arbeiten sie hart daran, sich und ihr Angebot ständig zu erneuern. „Kunden haben von Charvet schon immer neue Farben, neue Muster, neue Ideen erwartet“, sagt Jean-Claude Colban und zitiert den amerikanischen Maler James McNeill Whistler. In einem Brief an den französischen Schriftsteller und Dandy Robert de Montesquiou erwähnte dieser, er sei gespannt auf die neue Ware, die Charvet für ihn vorbereitet habe. Das Wort „klassisch“ lehnt Colban im Zusammenhang mit seinen Kollektionen ab. „‚Maßgefertigt‘ trifft es besser. Denn wir haben Kunden, deren Geschmack man in kleinster Weise als ‚klassisch‘ bezeichnen könnte. Am Ende geht es darum, was sie wollen. Das kann sehr traditionell sein, oder auch nicht.“

Doch um das herauszufinden, führen die Charvet-Schneider:innen durch den Regenbogen aus Stoffen. Jede Saison wird dieser von den Colban-Geschwistern angepasst und erweitert. Jean-Claude Colban zeigt große graue Karten mit sorgfältig aufgeklebten und beschrifteten Stoffproben. Rosatöne in unterschiedlichen Pastellgradierungen, hellblau gestreifte und karierte Varianten mit Linien, die mal schmaler, mal dicker sind, mit gelben Akzenten oder weißen Kontrasten. Je nach Kund:in kann der Auswahlprozess schon mal länger dauern. Man könne Hunderte Stoffe zeigen und dann entscheide sich jemand für die simpelste Option. „Manchmal führt die längste Reise zu den einfachsten Dingen“, sagt Jean-Claude Colban. Doch sobald die Bestellung steht, ist das Werk in sieben bis acht Wochen vollendet. Die Schnittmuster entstehen in Paris, die fertigen Kleidungsstücke in Ateliers in der Indre-Region in Zentralfrankreich. Im Idealfall kommen Kund:innen ein zweites Mal für die Anprobe des Prototypen. „Nicht alle haben heute noch Zeit oder wollen sich die Zeit nehmen. Das akzeptieren wir, aber dann ist es streng genommen nicht maßgefertigt“, sagt Anne-Marie Colban.

Der größte Zauber, der Charvet-Kund:innen in seinen Bann zieht, ist die Auswahl an Farben und Stoffen – ob für Hemden, Morgenröcke, Krawatten oder Nachtwäsche. (Foto: Daniel Feistenauer)
Das Unternehmen besitzt noch heute Kataloge mit Garnentwürfen aus früheren Dekaden. (Foto: Daniel Feistenauer)

Man lerne die Menschen über diesen Beruf gut kennen, „wo sie wohnen, was sie mögen, wie und wo sie ihre Hemden tragen, ob sie sich viel bewegen“, sagt sie. Ihr Bruder holt ein weiteres Buch hervor, in dem feine, kleine Zöpfe aus Garnen in verschiedenen Farben eingeklebt sind. Sie stammen aus dem Jahr 1935 und schimmern wie Edelsteine im Licht. „Solche Farbqualitäten gibt es heute praktisch nicht mehr“, sagt er. Bei Charvet kann man noch vieles finden, was es anderswo kaum noch gibt. Die steifen Einlagen in den Krägen der Hemden werden nicht mit Hitze und Kleber verhärtet, sondern eingenäht. „Das lässt den Kragen weicher und lebendiger aussehen“, sagt Anne-Marie Colban. Kompromisse machen, damit etwas schneller, effizienter, günstiger hergestellt werden kann – diese Logik erschließt sich den Colbans nicht. „Wir sind strikt dagegen, irgendwas zu vereinfachen“, sagt Jean-Claude Colban. Lieber verzichten sie auf mehr Umsatz und Wachstum, lassen ihre Stoffe in limitierter Menge produzieren von Herstellern, die auf die von ihnen gewünschte Qualität spezialisiert sind. Sie wissen, dass ihr Prozess, die Besonderheit der Ware, sowie die persönliche Begegnung mit den Schneider:innen ein bestimmtes, bestens informiertes Klientel anzieht, und dass sie dieses Vertrauen nicht aufs Spiel setzen wollen. Das Angebot der Waren hat sich allerdings im Laufe der Zeit verändert: Einst bot Charvet auch Koffer, Hüte und Handschuhe an. Schleifen und Krawatten wurden früher sogar maßgefertigt, heute kauft man sie direkt in der Boutique, ebenso wie Socken, Einstecktücher und Strickwaren. Besonders beliebt sind die Lederpantoffeln, die bereits vor über 50 Jahren entwickelt wurden und in 128 Farben erhältlich sind – inklusive einem passenden Beutel. Allzu viel mit neuen Produkten experimentieren – und dabei Fehler riskieren – will man jedoch nicht.

Natürlich gab es in der Vergangenheit Übernahmeangebote, die Colbans haben sie immer abgelehnt, ebenso wie die meisten Anfragen für Kooperationen. Bei Chanel machten sie eine Ausnahme. Matthieu Blazy, Chefdesigner des Hauses, kam für seine erste Kollektion auf sie zu, weil er Hemden entwickeln wollte, die an den Stil von Gabrielle Chanels Liebhaber Boy Capel erinnern sollten. Dieser war Kunde, ebenso wie Chanel selbst, die außerdem 1929 Kostüme für das Ballettstück „Apollon Musagète“ entwarf – Tuniken, die mit Charvet-Krawatten festgebunden wurden. „Es gibt eine starke kulturelle und wenig bekannte Verbindung zwischen den beiden Häusern“, sagt Jean-Claude Colban. „Nicht viele Unternehmen haben ein so tiefes Wissen über Kultur- und Modegeschichte wie Chanel. Das hat die Zusammenarbeit so bereichernd gemacht.“ Das Ergebnis sorgte für Aufsehen. Der Schauspieler Pedro Pascal trug auf der Oscar-Verleihung im März ein weißes Hemd aus der Kollektion mit einer Blumenbrosche. Zudem seien mehr Frauen auf Charvet aufmerksam geworden, sagt Anne-Marie Colban. „Wobei diese als Kundengruppe schon seit längerer Zeit immer wichtiger werden.“

Die Arbeitsutensilien bei Charvet sind ebenso traditionell wie die Arbeitsweise. Selbst die Maße der Kund:innen und ihre Bestellungen werden noch auf Papier festgehalten. (Foto: Daniel Feistenauer)
Die Stoffauswahl in der Hemdenabteilung bei Charvet. Es gibt allein über 100 Weiß-Nuancen. (Foto: Daniel Feistenauer)

Ein ganzes Stockwerk widmet sich der Frauenmode. Im Erdgeschoss sieht es aus wie in einem aufgeräumten, noblen Kaufhaus aus dem frühen 20. Jahrhundert: Die Wände sind mit hellem Holz vertäfelt, schaufenstergroße Vertiefungen dienen als Präsentationsflächen für Krawatten und Schals. Golden glänzende Wandlüster sorgen für Licht, auf antiken, verschnörkelten Tischen liegen fein säuberlich gefaltete Hemden mit bunten Fliegen. Die Colbans machen sich wenig Sorgen um Kund:innen-Nachwuchs. „Wenn junge Menschen hierherkommen, öffnet sich ihnen eine völlig neue Welt, von der sie gar nicht wussten, dass sie existiert. Und sie sind begeistert“, sagt Colban. Den Maßanzug könnten sie sich vielleicht nicht leisten, aber ein Einstecktuch oder eine Krawatte. Oder ein günstigeres Konfektionshemd.

Das Ziel, sagt Jean-Claude Colban, sei es letztlich nicht, mehr zu verkaufen. „Sondern relevant zu bleiben.“ Und das ist Charvet, paradoxerweise, heute wieder mehr denn je, obwohl es sich den Regeln und dem Druck des modernen Marktes entzieht. Viele Dinge haben sich verändert, aber dass Kund:innen gesehen und gewertschätzt werden wollen nicht. Man kann sich gut vorstellen, wie dieses leise auftretende, vornehme und dabei bescheidene Geschwisterpaar jeder Person das Gefühl gibt, sie könne die für sich richtige Entscheidung treffen – egal, ob sie schon Dutzende Charvet-Hemden besitzt oder zum allerersten Mal ein Schneideratelier betritt. Es sei nicht wichtig, ob die Kund:innen wüssten, wie viele Millimeter Unterschied zwischen dem einen und dem anderen Streifenmuster liegen. „Es ist unser Job, das zu wissen. Wir zeigen ihnen einfach, was zur Auswahl steht, und wir vertrauen darauf, dass jede:r seinen Favoriten findet.“ Wie lange das dauert, spielt keine Rolle. Und vielleicht ist es auch so: Wenn eine Reise so viel Vergnügen bereitet wie bei Charvet, lässt man sich gerne etwas mehr Zeit.