Als Hedi Slimane im Jahr 2001 seine erste Kollektion für Dior Homme vorstellte, saß auch sein ehemaliger Arbeitgeber im Publikum: Yves Saint Laurent. Für dessen Haus hatte Slimane vier Jahre lang Männermode entworfen, und Saint Laurent schätzte den aufstrebenden Designer so sehr, dass er für sein Debüt die Modenschau eines konkurrierenden Hauses besuchte. Zum Finale betrat Slimane den Laufsteg, näherte sich seinem Mentor und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Es gab stehende Ovationen.
Der Couturier ahnte vielleicht, dass dem damals 32-jährigen Slimane noch Großes bevorstehen würde. „Solitaire“, so der Name seiner ersten Kollektion für Dior Homme, markiert bis heute einen wegweisenden Moment in der Männermode: Ein neuer jugendlicher Geist rüttelte das Traditionshaus auf, verkörpert von jungen, zum Teil von der Straße gecasteten Models mit schmalem Körper und makelloser Haut, das zur Seite gekämmte und zu abstehenden Strähnen geformte Haar wie vom Winde verweht. Die Entwürfe symbolisierten einen Bruch mit den lässigen Silhouetten der 90er Jahre: Die scharf geschnittenen Sakkos saßen eng am Körper, die weit aufgeknöpften Hemden schmiegten sich an die zart gebauten Models, unter schmalen Rollkragenpullovern zeichneten sich kaum gewölbte Muskeln und feste Taillen ab. Slimanes androgyner Männertypus erinnerte in seiner rebellischen Haltung an die Jungs, die er fotografiert hatte, als er von 1999 bis 2000 in Berlin lebte. Aber diese Männer trugen makellos verarbeitetes Tailoring aus den Dior-Ateliers. Der Mix prägte die Männermode des jungen Millenniums über Jahre hinweg, er beeinflusste die Uniform des Dior Homme-Kunden Karl Lagerfeld ebenso wie den abgerockten „Indie Sleaze“-Chic eines Pete Doherty in seinen Skinny Jeans und kurzen Lederjacken.
Slimane wandte sich nie richtig ab von seiner Obsession mit der langen, schmalen Silhouette. Alle anderen schon: Ab den 2010er Jahren machte sich eine neue Oversize-Bewegung in der Mode breit, Streetwear wurde zum Statussymbol und Komfort zum ultimativen Kauf-Kriterium. Die Bomber konnten kaum weiter, die Hoodies kaum länger sein. „Oversize ist Mainstream geworden“, sagt Carl Tillessen, Geschäftsführer des Deutschen Modeinstituts. Umso markanter erscheint nun die Veränderung, die sich auf den Laufstegen beobachten lässt: Der Stoff rückt wieder näher an den Körper, die Schnitte werden enger, die Linien definierter. In der aktuellen Frühlingskollektion von Jil Sander finden sich Mäntel, die zugeknöpft so eng sitzen, dass sich tiefe Falten an den Seiten bilden. Michael Riders zweite Kollektion für Celine bringt eine Zigarettenhose für den Mann zurück, die fast als Leggings durchgeht. Pradas Kollektion für den Herbst und Winter 2026 integrierte in fast jeden Look Mäntel mit einer fast schlauchartigen Form und Seitentaschen, die so hoch sitzen, dass sie die schmale Taille zusätzlich betonen.


Das Branchenblatt „Women's Wear Daily“ zitierte danach einen Gast der Show mit den Worten, die „Ozempic-Ara sei nun auch in der Mode angekommen“. Tatsächlich fällt es schwer, im Kopf keine Verbindung herstellen zu wollen zwischen dem neuen Slim-Look und der Besessenheit mit schlanken Figuren, die seit einigen Jahren Hollywood ebenso prägt wie das Leben ganz normaler Menschen, die in den berüchtigten Abnehm-Spritzen einen schnellen und einfachen Weg zum Gewichtsverlust finden. Nun hatte die Mode schon immer andere Körperstandards als der Mainstream. Extreme Schlankheit galt auf dem Laufsteg als Norm, mit einer Größe 38 wurde man kein Model. Doch die „Body Positivity“-Bewegung der vergangenen Jahre sorgte immerhin für zaghafte Veränderungen, kurvige Models wie Paloma Elsesser oder Ashley Graham traten immer selbstverständlicher in den Schauen großer Marken auf. Inzwischen steht fest: Eine nachhaltige Veränderung hat „Body Positivity“ bisher nicht herbeigeführt. Im Gegenteil: Models mit Figuren jenseits der Sample-Size sucht man auf dem Laufsteg heute vergebens und viele Stars, die ohnehin schon schlank waren, erscheinen heute fast, nun ja, ausgezehrt. Carl Tillessen sieht darin auch ein Zeichen der Entpolitisierung der Mode. „Unsere Gesellschaft und damit auch die Mode hatten in den zurückliegenden Jahren einen besonders hohen moralischen Anspruch und haben sich in vielen Bereichen engagiert. Aber jetzt schwingt das Pendel zurück: Gesellschaft und Mode kehren zurück zu amoralischem Kapitalismus und oberflächlichem Hedonismus“, sagt er. „Im Zuge dessen ist auch das Engagement gegen ein untergewichtiges Schönheitsideal und für mehr Body Positivity eingestellt worden.“ Anstatt mit Haltung schmückt man sich wieder lieber mit Gesundheit und Schlankheit, Dinge, die mehr denn je als Ware gehandelt werden, die man kaufen kann – ob in Form eines Detox-Retreats, eines Krebs-Ganzkörper-Scans oder einer Abnehmspritze. „Ein flacher Bauch ist zum Statussymbol geworden, das man wie eine Rolex mit sich herumträgt. Und dieses Statussymbol will man zeigen, insbesondere wenn es neu ist“, sagt Tilless.
Interessanterweise zeichnete sich diese Entwicklung bereits ab, bevor Modelabels beschlossen, ihre Silhouetten auf Skinny-Maße zu schrumpfen. In einer unberechenbaren Welt gehören Körper und Gesundheit zu den wenige Dingen, die man, bis zu einem gewissen Grad, kontrollieren und positiv beeinflussen kann. Unter Buzzwords wie „Longevity“ ermuntern Supplement-Hersteller und Pilates-Maschinen-Entwickler dazu, „aktiv zu werden“, um die Lebensqualität möglichst lange auf einem hohen Niveau zu erhalten. Das Das Ergebnis ist eine bisher vielleicht kaum gesehene intensive Beschäftigung mit dem eigenen Körper.
Die Mode reagiert darauf, indem sie ihn wieder sichtbar macht. Und zwar mit körpernahen Schnitten, in die man erst mal reinkommen muss – gerade Millennials erinnern sich zu gut an das Ritual der 00er Jahre, das qualvolle An- und Ausziehen einer Skinny-Jeans, die man auf einem Bein hüpfend von den Füßen streifte. Je enger die Mode am Körper sitzt, desto mehr spürt man, wo etwas drückt, wo ein Bund einschneidet, wo der Stoff reibt. Der Look fordert von seine:r Träger:in, sich anzupassen, körperlich wie emotional.
Gleichzeitig vermittelt der Fokus auf den Körper auch eine Sinnlichkeit, die Labels für sich gewinnbringend genutzt haben. Tom Ford verführte in den 90er Jahren bei Gucci mit offensiver Sexyness, verkörpert durch knappe Minikleider, tief sitzenden engen Hosen, schmal geschnittenen V-Neck-Shirts. Er läutete damit eines der erfolgreichsten Kapitel in der Geschichte der Marke ein. Guccis neuer Chefdesigner Demna versucht nun, dem Label mit dieser Ästhetik erneut zum Erfolg zu verhelfen. Auf seiner ersten Modenschau für den Herbst- und Winter 2026 sah man Sixpacks unter den Ledershirts, Hüftknochen unter den Skinny Pants, und Thigh Gaps zwischen den Beinen. Kein Gramm Stoff, kein Gramm Körperfett zu viel.