Der Mann im Garten: Vom Rückzugsort zum Runway

Der Mann im Garten: Vom Rückzugsort zum Runway

Die neue Gardenwear zeigt sich auch auf dem Laufsteg. (Fotos: Getty Images)

Ein geometrisches Raster aus 400 Seersucker-Blumentöpfen schmückte den historischen Innenhof des Mailänder Palazzo Serbelloni. Das war die Kulisse für die Spring 2027 Menswear Kollektion von Thom Browne. Klassische, federleichte Preppy-Anzüge, Seersucker-Mäntel und Kilts wurden von gestickten Hummeln, hüpfenden Fröschen und Libellen-Applikationen bevölkert. Getoppt wurden die Looks von großen Strohhüten, die mit transparenten Imker-Schleiern verhüllt waren. Als Accessoire diente eine geschneiderte Seersucker-Gießkanne. Der Garten wird zum Laufsteg.

Auch in den Biografien der großen Ästheten unserer Zeit spielt der Garten eine Rolle. Wenn Designer Dries Van Noten über seine größte Inspirationsquelle spricht, redet er meistens über seinen legendären, 55 Hektar großen Park außerhalb von Antwerpen – auch, wenn er mittlerweile nicht mehr aktiv in sein gleichnamiges Label involviert ist. Der Modeschöpfer gilt als passionierter Gärtner, der jede freie Minute im Grünen verbringt, um Rosen zu schneiden und Beete umzugraben. Er ist in bester Gesellschaft: Auch Schuhgott Manolo Blahnik verbringt seine Freizeit am liebsten mit dem Stutzen von Hecken in Bath. Als sehr bekanntes Beispiel lässt sich auch King Charles III. anführen: Seine tiefe Leidenschaft für die Gärten von Highgrove House ist legendär. Eine Passion, die er mit so akribischer Strenge betreibt, dass seine Angestellten bis heute unter seinen extremen Design-Ansprüchen schwitzen. Und auch Schauspieler Josh O’Connor beteuerte jüngst seine Liebe zum Gärtnern und zum Töpfern.

King Charles III. beim Unkrautjäten in seinem Kräutergarten in Highgrove, Gloucestershire. (Foto: Tim Graham Photo Library via Getty Images)

Historisch gesehen war der Garten für den Mann schon lange ein Mikrokosmos der Kontrolle und der Kontemplation. Während der barocke Schlossgarten die absolute Unterwerfung der Natur unter den menschlichen Willen demonstrieren sollte, bot der englische Landschaftsgarten des 18. Jahrhunderts den intellektuellen Rückzugsort für den erschöpften Gentleman. Und heute, in einer hyperdigitalisierten Welt, die von Bildschirmen und Algorithmen dominiert wird, ist das Wühlen in der Erde die ultimative Form des Erdungsprozesses. Der Garten ist die letzte Bastion der analogen Selbstwirksamkeit. Wer sät, der erntet – ein herrlich lineares Konzept, das im modernen Arbeitsalltag oft fehlt.

Dass dieser Lifestyle nach einer ästhetischen Übersetzung verlangt, versteht sich von selbst. Die Verwandlung des Gärtners vom Schmutzfink in Funktionskleidung zum Stilvorbild in Designerkleidung ist in vollem Gange. Das beweisen die aktuellen Kollektionen wie die von Thom Browne und auch Brands, die das Thema Garten aus völlig unterschiedlichen Perspektiven beleuchten.

Die Grenze zwischen robuster Arbeitskleidung und italienischer Sprezzatura verwischt das Label Rovi Lucca. Gegründet von Bradley Seymour und Fabrizio Taliani, lässt sich das Mailänder Label von den historischen Gärten der Toskana inspirieren. Ihre Kollektionen (wie „Orto Botanico“ oder „Herbarium“) bieten „dependable clothes“ – verlässliche Kleidung. Ihre „Patch Garden Blazer“ aus robustem Baumwolltwill und die Cord-Gartenshirts sind funktional genug für das Umtopfen, aber so elegant geschnitten, dass man damit direkt zum Aperitivo gehen kann.

Die Quilted Patch Jacket von Rovi Lucca. (Foto: Guido Barbagelata)
Krabbeln auf dem Sakko: Ein Look der aktuellen Kollektion von Thom Browne. (Foto: Getty Images)

Das koreanische Label Solid Homme nähert sich dem Thema in der aktuellen Kollektion mit einem fast schon philosophischen Pragmatismus. Hier geht es um das Spannungsfeld zwischen Mensch und Natur, inspiriert von Gewächshäusern und dem urbanen Gärtnern. Die Looks spielen mit den Texturen der Natur: Wascheffekte auf Seide und knitteriges Nylon wirken, als seien die Stücke durch jahrelangen Aufenthalt im Freien geformt worden. Texturierte Baumwolle imitiert den Schattenwurf von Sonneneinstrahlung durch Gewächshausglas. Kombiniert mit Boonie-Hüten und funktionalen Feldtaschen wird der Gärtner hier zum modernen Naturbeobachter und Forscher.

Ob im bodenständigen, handwerklich perfekten Luxus von Rovi Lucca, der urbanen Utility-Ästhetik von Solid Homme oder dem theatralischen Eskapismus eines Thom Browne: Gardenwear ist das modische Äquivalent zum „Out of Office“-Status einer überreizten Gesellschaft. Die Runway-Kollektionen beweisen die Sehnsucht nach dem Echten, Haptischen und Beständigen. Und so findet der Mann wieder die Ruhe im Garten – so stilvoll wie selten zuvor.