Diese Parfums enthalten Noten von Blut, Latex und Dielenboden

Diese Parfums enthalten Noten von Blut, Latex und Dielenboden

Von links: Marlou’s Carnicure, 120 € für 50 ml, marlou.fr; Filigree & Shadow’s Sui Generis; Unum’s But Not Today, 220 € für 100 ml, filipposorcinelli.com; und Toskovat’s Anarchist A_, 275 € für 60 ml, toskovat.com. (Fotos: Courtesy of the brands)

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Nachdem die New Yorker Parfümmarke Le Labo 2011 ihren Bestseller Santal 33 auf den Markt gebracht hatte, zog ein Duft von Feige, Leder und Sandelholz durch Lower Manhattan und Williamsburg und markierte unmerklich die Anwesenheit trendbewusster Menschen und angesagter Orte. Für bestimmte New Yorker Kreise war die Begegnung mit Santal 33 eine Zeit lang fast allgegenwärtig – in Kunstgalerien, Bekleidungsgeschäften und Cocktailbars. Als 2017 die New Yorker Kosmetikmarke Glossier mit You einen Duft mit leichteren, frischeren und würzig-süßen Noten herausbrachte, begann dieser Santal 33 als allgegenwärtigen Duft trendorientierter junger Menschen abzulösen.

Doch nun könnte die Ära der allgegenwärtigen „It“-Düfte zu Ende gehen. „Die Leute haben die Nase voll von immer demselben Duft“, sagt die 52-jährige Parfümhistorikerin Elena Vosnaki, Gründungsmitglied und leitende Redakteurin der Website Fragrantica, einem Online-Magazin und Datenbank für Duftliebhaber:innen. Obwohl die Parfümindustrie seit langem auf Verführung, Prominenz und der Vorstellung basiert, dass jeder Mensch einen charakteristischen Duft haben muss, stellt eine aufstrebende Gegenbewegung, angeführt von unabhängigen Parfümeur:innen, die Idee in Frage, dass die zentrale Funktion eines Parfüms darin besteht, die Nasen anderer zu erfreuen. Ein wachsender Markt von Duftliebhaber:innen ist mehr daran interessiert, ausgefallen als angenehm zu riechen.

„Kennt ihr Parfums, die nach toten Bäumen, heruntergekommenen Motels, abblätternder Tapete, staubigen Holzdielen und einer verlassenen Kirche riechen?“ Solche extrem spezifischen Anfragen erhält die 31-jährige Annabelle La Chimia regelmäßig von ihren Follower:innen auf ihrem TikTok-Account @ismellunusual. (Ihre Empfehlung in diesem Fall ist Memory Motel vom französischen Parfümhaus Une Nuit Nomade.) Sie ist nur eine von vielen Creator:innen unter dem Hashtag #Perfumetok, der 6,7 Milliarden Aufrufe verzeichnet und die wachsende Nachfrage nach bizarren, ausgefallenen und sogar bewusst abstoßenden Duftnoten bedient. La Chimia empfiehlt Parfums wie Anarchist A_ der Bukarester Marke Toskovat, das mit Noten von schmutzigem Geld, einem alten Beichtstuhl und Schnee beworben wird, oder den gleichnamigen Duft von Eau de Space mit Noten von Latex, Schießpulver und Keksen. (Ein Nutzer auf Fragrantica meinte, der Duft sei vergleichbar mit dem eines Atomreaktors.) „Die Menschen haben nicht mehr das Gefühl, gut riechen zu müssen, um geliebt oder akzeptiert zu werden“, sagt La Chimia, deren Follower überwiegend zwischen 18 und 20 Jahre alt sind.

Polarisierende Düfte sind alles andere als neu. Im Laufe der Jahre wurden viele kontroverse Kreationen – darunter Yves Saint Laurents Opium (1977) und Christian Diors Poison (1985) – zu Bestsellern. Der kontroverse Aspekt dieser Parfums lag jedoch nicht in ihren Düften selbst, sondern in ihrer überwältigenden Intensität oder ihren lasziven Werbekampagnen. Laut Vosnaki erschien eines der ersten einflussreichen, wirklich experimentellen Parfums Mitte der 2000er-Jahre, als der Markt mit fruchtigen und blumigen Düften überschwemmt war. Das französische Haus Etat Libre D’Orange brachte 2006 mit „Sécrétions Magnifiques“ ein olfaktorisches Konzeptkunstwerk auf den Markt. „Es soll von Blut, Sperma, Speichel und Schweiß inspiriert sein“, so Vosnaki. „Es war nie als kommerzielles Parfum gedacht, entwickelte sich aber zu einem Kultobjekt. Die Leute fliehen entsetzt davor. Es ist wunderschön.“

Eau de Spaces gleichnamiger Duft, 44 € für 100 ml, eaudespace.com. (Foto: (Fotos: Courtesy of the brand)

Fast zwei Jahrzehnte nach der Veröffentlichung von Sécrétions Magnifiques bleiben ähnlich unkonventionelle Duftkompositionen nicht nur Geheimtipps. „Wir haben in den letzten Jahren einen deutlichen Anstieg der Nachfrage nach experimentellen Parfums beobachtet“, sagt Steven Gontarski, 51, Geschäftsführer der Scent Bar Stores in Los Angeles und New York, die Nischen- und Independent-Düfte verkaufen. Der Reiz unkonventioneller Düfte liegt nicht nur in ihrem Schockeffekt, sondern auch in den nonkonformistischen Idealen, die sie verkörpern können. Inspiriert vom DIY-Ethos der Punkmusiker, die er verehrt, strebt der autodidaktische Parfümeur James Elliott, 49, aus Seattle, danach, Düfte zu kreieren, die provozierend, ja sogar politisch sind. „Die Menschen, die sich zu meinen Düften hingezogen fühlen, wollen ihre Nase herausfordern. Sie haben keine Angst“, sagt er. 2018 veröffentlichte sein Label Filigree & ShadowSui Generis“, einen Duft mit Noten von Kaugummi, Rose, Leder und Methamphetamin. Inspiriert ist er vom New Yorker Nachtclub Danceteria der 80er-Jahre und dem Heavy-Metal-Stil der Band The Plasmatics. Nach der Aufhebung des Urteils Roe v. Wade im Jahr 2022 kreierte Elliot „Laughing With a Mouthful of Blood“ mit Noten von Coca Cola, Leinen und Tabak. Die Erlöse kommen gemeinnützigen Organisationen zugute, die Schwangerschaftsabbrüche ermöglichen und sichere Orte für queere Jugendliche schaffen. Aktuell entwickelt Elliot ein Parfum, inspiriert von Gay Clubs, das nach Leder, Schweiß, Zigaretten und getragener Unterwäsche duftet.

Der Aufstieg von Nischendüften spiegelt einen breiteren Trend in der Online-Mode- und Beauty-Szene wider, wo Mikroästhetiken wie Cottagecore und Dark Academia florieren. Die größere Auswahl an Düften ermöglicht es den Trägern, leichter zwischen verschiedenen Stilen und Stimmungen zu wechseln. Diese Nuancen prägen die Arbeit des italienischen Duftkünstlers Filippo Sorcinelli, der Düfte kreiert hat, die komplexe und oft düstere Emotionen wie Angst und Beklemmung ausdrücken sollen. Er beschreibt seine Zielgruppe als introspektive Menschen, „die sich durch einen Duft öffnen möchten, der zum Spiegel einer Erinnerung wird, ob gut oder schlecht.“ Einer seiner meistdiskutierten Düfte ist „But Not Today“. Er wurde 2014 als Teil seiner ersten Duftkollektion UNUM lanciert, ist vom Film „Hannibal“ aus dem Jahr 2001 inspiriert und hat Blut als Kopfnote.

Im Vergleich zu großen Parfümherstellern haben kleine Häuser wie Elliot’s und Sorcinelli’s mehr Freiheit zum Experimentieren und um neue Wege zu gehen. Der französische Parfümeur Briac Frocrain – der seine 2016 gegründete Duftlinie Marlou als Erkundung der Sinnlichkeit von Körpergerüchen beschreibt – betont, dass die meisten Parfümeure lange vor der Entstehung der großen Kosmetik- und Luxuskonzerne kleine, unabhängige Betriebe waren. „Was vor einem Jahrhundert noch ganz normal war, gilt heute als Punk“, sagt er. Diese neueren, handwerklichen Parfümeure verfolgen, so unorthodox ihre Kreationen auch sein mögen, dasselbe Ziel, das Parfümeure schon immer hatten – Eindruck zu hinterlassen. Und welcher Duft erregt eher Aufsehen: ein angenehm blumiger, aber vertrauter Duft oder Toskovats „Born Screaming“ mit Noten von geplatztem Luftballon und DVD-Hülle?