Als Jonathan Anderson im vergangenen Oktober seine erste Prêt-à-porter-Kollektion Frühjahr und Sommer 2026 für Dior präsentierte, stellte er dem Publikum eine Frage. Über der Mitte des Laufstegs schwebte eine riesige umgekehrte Pyramide. Ihre vier Seiten dienten als Projektionsflächen, auf denen Aufnahmen vergangener Modenschauen abgespielt wurden: Arbeiten von Diors zehn Kreativdirektor:innen aus fast acht Jahrzehnten – von Christian Dior selbst bis Maria Grazia Chiuri. Dazwischen erschienen Bilder von Markenbotschafter:innen, untermalt vom mechanischen Surren von Nähmaschinen und einem leisen Rascheln, als würde jemand Seiten umblättern.
Blitzlichter und abrupte Schreie durchzogen das Video, im Raum lag spürbare Spannung. Plötzlich erschien auf einem der Bildschirme eine Frage: „Wagst du es, das Haus Dior zu betreten?“
Genau mit dieser Frage war Anderson konfrontiert worden, als man ihm die kreative Leitung des Hauses anbot. Nun richtete er sie direkt an das Publikum. Unter der Spitze der Pyramide stand eine schlichte graue Box, aus der die projizierten Bilder scheinbar herausströmten, um gleich darauf wieder in ihr zu verschwinden. In Zusammenarbeit mit dem britischen Dokumentarfilmer Adam Curtis hatte Anderson Diors Markengeschichte zerlegt – und zugleich, wie in einer Schuhschachtel, neu gebündelt: als Metapher für Erinnerungen, die an einem Ort gesammelt werden.
„Jeder hat zu Hause eine Kiste mit Fotos, Erinnerungsstücken oder eine Schublade, in der man Dinge aufbewahrt, um sie zur richtigen Zeit wieder hervorzuholen“, sagt Anderson. In seiner Inszenierung erscheint das Haus Dior selbst wie eine solche Kiste – gefüllt mit fast 80 Jahren Modegeschichte, mit Referenzen an Kunst, kulturelle Strömungen und prägende Codes. Seit dem Tod von Christian Dior 1957 hat jede Generation von Kreativdirektor:innen diese Kiste geöffnet, ihren Inhalt neu gelesen und für ihre Zeit aufgeladen. Nun liegt der Schlüssel in Andersons Händen.

Wir treffen Jonathan Anderson in Peking, wenige Stunden nach seiner Landung. Er trägt ein schwarzes T-Shirt und Jeans, dazu ein blau kariertes Hemd, das er locker über die Schultern gelegt hat, sein blondes Haar ist ungebändigt. Die hellblauen Augen und der unaufgeregte Kleidungsstil gehören zu einer Erscheinung, die in Modekreisen längst vertraut ist. „Ich war seit zwei Jahren nicht mehr in China. Es ist schön, wieder hier zu sein“, sagt er, während er sich auf einen Stuhl setzt und einen Schluck Kaffee nimmt. Der Zeitplan für den nächsten Tag sieht Besuche der wichtigsten Dior-Boutiquen in Peking vor sowie die Eröffnungszeremonie des „House of Dior Beijing“, des neuesten und größten Flagship-Stores des Labels in China.
Im April 2025 wurde der 41-jährige Ire zum Creative Director von Dior Men ernannt – als Nachfolger von Kim Jones. Branchenintern ahnte man bereits, dass sein Einfluss nicht darauf beschränkt bleiben würde. Zwei Monate später schrieb Anderson Geschichte: Als erster Designer seit dem Gründer selbst übernahm er die vollständige kreative Verantwortung für Herrenmode, Damenmode und Haute Couture. Delphine Arnault, Vorsitzende und CEO von Christian Dior Couture, erklärte gegenüber dem Magazin „Vogue Business“: „Jonathan ist der talentierteste Designer seiner Generation. Trotz seines jungen Alters bringt er enorme Erfahrung mit – vor allem aber eine klare Vision für die Zukunft des Hauses.“ Ihrer Ansicht nach braucht Dior ihn.
In den elf Jahren zuvor hatte Anderson als Kreativdirektor von Loewe gezeigt, warum er dieser Aufgabe gewachsen ist. Unter seiner Leitung wandelte sich das spanische Lederwarenhaus grundlegend: Der Laufsteg wurde experimenteller, spielerischer; das Thema Handwerk rückte ins Zentrum der Markenkommunikation. Mit dem jährlichen „Craft Prize Loewe“ etablierte Anderson das Label als kulturelle Instanz. Der Erfolg ließ sich messen: Für 2023 meldete Loewe einen Umsatzanstieg von 30 Prozent auf 811 Millionen Euro sowie ein Gewinnplus von 62,5 Prozent.
Während seiner Zeit bei Loewe begann auch die enge Zusammenarbeit mit Regisseur Luca Guadagnino. In Peking betritt dieser mit seinem Team den Raum, justiert Kameraeinstellungen und gibt leise Anweisungen. Guadagnino gehört zu Andersons langjährigen Weggefährten: 2023 inszenierte er den Kurzfilm „I Dreamt of Loewe“, Anderson wiederum entwarf die Kostüme für Guadagninos Filme „Queer“ und „Challengers“ (beide 2024). Hauptdarsteller Josh O’Connor wurde im Januar zum Dior-Markenbotschafter ernannt.
Schritt für Schritt legt Anderson nun das Fundament für „sein“ Dior. Für sein Herrendebüt blieb ihm kaum Vorlaufzeit: Nur zwei Monate nach seiner Ernennung zeigte er während der Pariser Modewoche seine erste Kollektion. Dennoch trug die Show unverkennbar seine Handschrift – kuratorisch gedacht, weniger klassisch entworfen. Der Raum erinnerte an die Berliner Gemäldegalerie; zwei Originalwerke von Jean Siméon Chardin hingen scheinbar beiläufig an den Wänden. „Chardin hat ein kleines Œuvre, ist aber einer der größten französischen Maler“, erklärte Anderson. „Diese Nähe ist ein Erlebnis.“


Die Show zählte zu den meistbeachteten Debüts des Jahres. In der ersten Reihe saßen neben Chefredakteur:innen und Popstars auch Designer:innen wie Donatella Versace, Pierpaolo Piccioli, Glenn Martens oder Nicolas Di Felice. Der Modekritiker Elias Medini organisierte parallel ein Screening in einem Pariser Café – über 300 Besucher:innen kamen.
Besonders gelobt wurden mehrere Entwürfe: voluminöse Cargo-Shorts, inspiriert von einem Dior-Abendkleid von 1949; Outerwear mit Bezügen zu historischen Uniformen; eine Herrenjacke aus Donegal-Tweed mit ausladendem Schößchen – eine subtile Reminiszenz an das „Bar Jacket“. Kombiniert mit einer Halskrause entstand eine „ungewöhnliche, aber überzeugende Fusion französischer und irischer Einflüsse“, wie eine Kritik schrieb.
Auch die Accessoires sorgten für Aufmerksamkeit. Für eine neue Version der bekannten „Book Tote“ von Dior reproduzierte Anderson die Buchumschläge von acht literarischen Originalausgaben, darunter Baudelaires „Die Blumen des Bösen“ (1857), Truman Capotes „Kaltblütig“ (1965) und Bram Stokers „Dracula“ (1897). Wie Chardins Gemälde spiegelte diese Idee Andersons persönliche Interessen wider – trotz seiner Dyslexie schätzt er Literatur – und positionierte Dior in einem breiteren kulturellen Kontext. Kurz nach der Show wurde Rihanna in Paris mit der „Dracula“-Variante vor einer Dior-Boutique fotografiert. Im vergangenen Januar kamen die Taschen in den Handel – bis Ende des Monats waren mehrere Designs in verschiedenen Ländern im Online-Shop des Labels ausverkauft.
Jonathan Anderson scheut den Wandel nicht. „Ohne Veränderung keine Kreativität“, sagt er – und betont zugleich die Verantwortung gegenüber der Geschichte des Hauses. Mit seiner ersten Damenkollektion und dem Curtis-Film machte er deutlich, dass er das Erbe nicht umgeht, sondern sichtbar macht: Die romantischen schwarzen Spitzenlooks der 1950er-Jahre von Yves Saint Laurent dienten als Vorlage für knielange Kleider und inspirierten hohe Spitzenkrägen. Dramatische, flügelartige Stoffkonstruktionen erinnerten an die Theatralik der Galliano-Ära. Fließende Drapierungen und klare Silhouetten zitierten Marc Bohan. „Ich will anerkennen, dass all diese Menschen zur DNA der Marke beigetragen haben“, sagt Anderson. „Dann kann man darauf aufbauen.“
Für ihn steht fest: Dior ist Fantasie – geboren aus Intuition, Vorstellungskraft und dem Mut, der Zeit voraus zu sein. Genau darin sieht er seine Aufgabe.


Anderson plädiert für eine durchdachte Weiterentwicklung – ohne Hast, mit Sensibilität für die Bedürfnisse von Bestands- wie Neukund:innen. Die Luxusbranche stehe an einem Wendepunkt, sagt er; Kreativität könne wieder an Bedeutung gewinnen. In den vergangenen Jahren hat die Industrie mit Vertrauensverlusten zu kämpfen gehabt, insbesondere in Bezug auf Kreativität, Qualität und Handwerkskunst. Die Menschen sehnen sich nach Authentizität – nach etwas, das aus den Wurzeln einer Marke erwächst und sich sowohl im Storytelling als auch im Design spiegelt. Zudem wollen sie sich emotional mit einer Marke verbinden. Am Ende laufe alles auf das Produkt hinaus, ist Anderson überzeugt. „Das Problem ist, dass viele Produkte einfach nicht interessant sind. Warum sollte man sie dann kaufen? Diese Entwicklung beobachte ich gerade“, sagt er. „Aber das Großartige am Leben ist, dass es immer eine Krise gibt. Und das Großartige an einer Krise ist, dass es immer eine Lösung gibt.“
Im Gegensatz zu Designer:innen, die bewusst Distanz wahren oder ein Mysterium kultivieren, sucht Anderson offen den Dialog mit den Medien. Das macht ihn zugänglich – und zu einem gefragten Gesprächspartner, wenn es um die Entwicklung der Mode und das Verhältnis der Gesellschaft zu ihr geht. Häufig beginnen seine Gedanken mit dem Wort „Seltsamerweise …“, als wolle er vorwegnehmen, dass seine Perspektive eine unkonventionelle sein könnte. So sagt er etwa: „Seltsamerweise leben wir in einer Zeit, in der jeder eine Meinung hat, was grundsätzlich etwas sehr Positives ist. Gleichzeitig ist unsere erste Reaktion oft Ablehnung, wenn wir etwas sehen, das anders ist als zuvor.“ Mit Blick auf die Stimmung in den sozialen Medien ergänzt er: „Irgendwie ist jeder auf alles wütend, alles ist falsch. Aber seltsamerweise glaube ich, dass die Menschen es irgendwann leid sein werden, wütend zu sein. Es ist tatsächlich einfacher, wütend zu sein, als positiv zu denken.“ Ein Modehaus wie Dior, das seit seiner Gründung immer wieder Neues gewagt hat, musste zwangsläufig Skepsis und Kritik aushalten. Neue Designer:innen sahen sich nach ihrem Amtsantritt häufig mit Kontroversen konfrontiert. Doch die Zeit hat gezeigt, dass viele von ihnen Modegeschichte geschrieben haben – etwa der junge Yves Saint Laurent, John Galliano oder Hedi Slimane bei Dior Homme. „Es gibt nicht viele Marken, die auf diese Weise den Weg für Innovationen ebnen“, sagt Anderson. Heute gehe es darum, Diors Geschichte nicht nur neu zu erzählen, sondern auch sichtbar zu machen, wie sehr sie Veränderungen angestoßen habe.


Zudem seien die umfangreichen Archive des Hauses noch längst nicht vollständig erschlossen. „Man vergisst zum Beispiel oft, dass Christian Dior einige der großartigsten Mäntel der Modegeschichte entworfen hat. Er schuf Codes, die für ihre Zeit überwältigend und hochkonzeptionell waren. Die Textilien waren extrem wichtig – Bouclé, Flanell, Wolle. Die Geschichte reduziert Dior oft auf ein Klischee.“ Viele der Mäntel, die Anderson im Laufe seiner Karriere immer wieder analysiert hat, stammen aus Diors Werk. „Sie haben Persönlichkeit. Es gibt Drapierungen, komplexe Konstruktionen. Schwarz ist nicht einfach schwarz – im Gewebe stecken Schwarz, Grau und Marine.“
Seine Arbeit bei Dior beschreibt Anderson als ein „Studium der Marke“. Er wolle das Rohmaterial erforschen, um es in einen neuen Kontext zu überführen. Wie groß das Interesse daran ist, zeigt sich ihm ganz konkret: Woche für Woche stehen Menschen auf der Avenue Montaigne Schlange, um in der „Galerie Dior“, dem firmeneigenen Museum, in die Geschichte des Hauses einzutauchen. „Das ist extrem selten. Es ist eine der wenigen Marken weltweit mit einem permanenten Museum, das sich ständig verändert, erweitert, die Geschichte neu erzählt und Vergessenes wiederentdeckt.“
Noch bis zum 3. Mai ist dort eine Ausstellung zur persönlichen Dior-Sammlung des tunesischen Couturiers Azzedine Alaïa zu sehen, der einst für das Haus arbeitete und 2017 verstarb. Seine Sammlung umfasst über 600 Dior-Entwürfe – von einem Kleid aus dem Jahr 1949 von Lucien Lelong, unter dem Christian Dior einst tätig war, über das grau-rosafarbene Taft-Abendkleid „Rose des Vents“ von 1956 bis hin zu Kreationen späterer Nachfolger wie Yves Saint Laurent, Marc Bohan, Gianfranco Ferré und John Galliano. Gezeigt werden Hunderte Haute-Couture-Roben aus mehr als fünf Jahrzehnten, ergänzt durch Skizzen, Schnittmuster, historische Atelierfotografien von der Avenue Montaigne, alte Magazinseiten und sogar Dokumente wie Alaïas Arbeitsvertrag. „Alaïa hat drei Tage für Christian Dior gearbeitet, was ich ziemlich lustig finde. Ich bin nun schon etwas länger hier – bisher ist es noch gut gegangen“, sagt Anderson mit einem Schmunzeln.
„Dass ein Designer die Kleidung eines anderen Designers kauft und sammelt, ist etwas sehr Besonderes. Es ist fast so, als wolle man die Maison selbst besitzen.“ Angesichts dieser Sammlung empfindet er Ehrfurcht: „Es ist eine magische Marke. Ich muss diesen Job richtig machen. Ich möchte etwas erschaffen, das sich mit der Arbeit der größten Designer messen lässt, die jemals für dieses Haus gearbeitet haben.“ Anderson setzt sich bewusst unter Druck und denkt langfristig. „Die Menschen sollen irgendwann sagen: Ich mag Dior, weil ich dem Label vertraue.“
Um dieses Vertrauen aufzubauen, sucht er selbst den direkten Kontakt. „Ich muss mit den Menschen sprechen, die Läden besuchen und sehen, was wirklich passiert. Es ist einfach, Zahlen zu betrachten – aber wenn man Menschen trifft, sagen sie einem die Wahrheit.“ Zwischen Marken, Designer:innen und Kund:innen herrscht heute ohnehin eine größere Transparenz: durch soziale Medien, aber auch, weil Marken selbst Orte schaffen, an denen man ihnen begegnen kann. Direkt neben der „Galerie Dior“ in Paris liegt die Boutique, die laut Anderson allen offenstehen soll. „Es ist mir egal, was die Menschen kaufen – ob einen Lippenstift oder ein Couture-Kleid. Sie sollen das gleiche Gefühl haben wie bei einem Museumsbesuch. Sie sollen spüren, dass sie Teil von etwas Größerem sind. Das ist mein Traum.“
Momente wie eine Modenschau oder Orte wie ein Museum erinnerten uns daran, warum wir Mode liebten, sagt er – und nennt gleich noch einen weiteren Grund: „Das Schöne an Mode ist, dass man etwas für die Zukunft produziert. Schließlich kommt es erst sechs Monate später in den Laden.“ Dieses kalkulierte Risiko betrachtet er als eine der Freudenseiten seines Berufs – und er scheut es nicht. Wenn eine Show im Moment ihrer Präsentation sofort perfekt verstanden werde, habe er seinen Job nicht richtig gemacht. Denn bis die Kollektion im Geschäft ankomme, hätten sich die Menschen bereits an ihr sattgesehen. „Es ist ein Balanceakt: Wie nimmt man die Menschen mit auf die Reise – und akzeptiert, dass sie etwas zu einem Zeitpunkt ablehnen und zu einem anderen annehmen?“
Mode muss ihrer Zeit voraus sein. Sie ist Fantasie – das Ergebnis von Ahnung, Intuition und Vorstellungskraft –, und zugleich Teil eines realen Systems mit klaren Regeln. Für Jonathan Anderson verkörpert Dior pure Fantasie; sie hilft ihm, das Haus zu begreifen. Er nähere sich einer Marke stets über ein Schlüsselwort. „Christian Dior lebte während des Zweiten Weltkriegs. Ich glaube, er musste sich in seine Fantasie flüchten, um mit dieser Realität umgehen zu können.“
Anderson erinnert an die Entstehung des „New Look“ von 1947, mit dem Dior die Mode der Nachkriegszeit neu definierte: eine taillierte, kurze Jacke kombiniert mit einem ausladenden Rock. „Er schuf einen neuen Look aus etwas, das bereits existierte: Er verkürzte den Rock, betonte die Taille.“ Bis heute strahlt dieser Entwurf die Sehnsucht nach Neuanfang aus, für die er einst stand. „Es ist ein kraftvoller Look“, sagt Anderson. „Wie ein sehr effektiver Panzer.“ Vielleicht liegt genau darin die anhaltende Kraft von Diors Vermächtnis – und der Grund, warum Jonathan Andersons Blick auf das Haus so gegenwärtig wirkt. Der „New Look“ war nie nur eine ästhetische Revolution, sondern eine Haltung: die Entscheidung, nach einer Zeit der Entbehrung wieder an Schönheit, an Form, an Fantasie zu glauben. Er bot Schutz, ohne sich zu verhärten; Selbstbehauptung, ohne Aggression. Ein Panzer, der nicht abschottete, sondern aufrichtete. Der „New Look“ ist ein zeitloses Versprechen: dass Mode in Momenten des Umbruchs mehr sein kann als Kleidung. Nämlich ein Zeichen von Hoffnung – präzise geschnitten, tief verwurzelt und erstaunlich widerstandsfähig.