Der Concept Store von Andreas Murkudis in der Potsdamer Straße gilt vielen als eines der besten Geschäfte der Hauptstadt. Doch nicht alle wissen vermutlich, dass Murkudis’ Auswahl vor allem durch ihre Selektion an japanischen Labels heraussticht, die man in Deutschland und selbst in Europa nur schwer findet. Diese Expertise für japanische Mode können nun auch Pariser:innen sowie Reisende der Stadt erleben. Noch bis zum 7. Juli hat in der Stadt ein temporärer Pop-up-Store Tokyo Sense geöffnet, den Murkudis gemeinsam mit der japanischen Lifestyle- und Retail-Firma Lumine konzipiert hat. Viele der vorgestellten Brands sind bisher selbst in Paris nicht erhältlich und reichen von Duftlabels über Mode bis zu Interieur und sogar einem traditionsreichen Bürsten-Hersteller, die Marke Edoya, die 1718 gegründet wurde. Der Mix ist das Ergebnis von vielen Reisen nach Japan, die Murkudis in den vergangenen zehn Jahren getätigt hat, um neue Brands und Ideen für seinen Store zu finden. Hier spricht der Retailer über seine langjährige Liebe zu dem Land und dem Moment, als eine der berühmtesten japanischen Mode-Stars nach Berlin kam.
Erinnern Sie sich an Ihren ersten Besuch in Japan? Was war damals Ihr Eindruck?
Das war 2016. Ich war von der japanischen Handelsorganisation JETRO eingeladen, um mir in Tokio verschiedene Kollektionen anzuschauen. Ich war allein unterwegs, hatte aber vor Ort eine wunderbare Reiseleitung inklusive Übersetzerin. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Besuch des Showrooms von Ujoh in Aoyama. Dort habe ich das Label zum ersten Mal entdeckt und seitdem keine ihrer Kollektionen mehr verpasst – sie sind inzwischen auch bei Tokyo Sense vertreten. Ich könnte problemlos auf London, Mailand und Paris verzichten, solange ich nach Tokio reisen kann. Die Faszination für Japan ist bis heute ungebrochen, und ich freue mich jedes Mal aufs Neue, als wäre es das erste Mal.

Was machen japanische Modelabels anders als europäische Marken?
Japanische Marken überzeugen mich durch ihre Konsequenz im Detail und ihre außergewöhnliche Qualität. Sie verstehen sich als Dienstleister – sowohl für mich als Kunden als auch für ihre eigenen Produkte. Die Standards sind extrem hoch, und trotzdem gelingt es ihnen, ein faires Preis-Leistungs-Verhältnis zu bieten. Diese Kombination macht sie für mich im Vergleich zu vielen europäischen Marken absolut konkurrenzlos.
Wie haben Sie die Brands und Talente für den Pop-up mit LUMINE ausgewählt?
Unser Ziel war es, die Besucher von Tokyo Sense zu überraschen. Deshalb haben wir eine spannende Mischung aus verschiedenen Produktwelten zusammengestellt: von Haushaltswaren wie Bürsten über Vintage-Bücher, Socken und Keramik bis hin zu High-End-Mode. Mir geht es darum, unterschiedliche Welten in einem Laden zu vereinen – und das mit einer Preisstruktur, die für alle zugänglich ist. Die Spanne beginnt bereits bei vier Euro. Wir zeigen Marken, die wir bereits in Berlin führen, aber auch viele neue Labels, die es sonst nirgendwo in Europa zu kaufen gibt.


Welches persönliche Kleidungsstück eines japanischen Designers aus Ihrer Sammlung schätzen Sie am meisten – und warum?
Mein aktuelles Lieblingsteil ist ein schwarzes Overshirt von Aton. Es besteht aus einem Leinen-Seiden-Mix und hat einen dezenten, edlen Glanz. Ich kann es jeden Tag und zu jedem Anlass tragen – es ist unglaublich vielseitig. Ursprünglich habe ich es direkt in Tokio gekauft, weil ich mir nicht sicher war, ob wir es für den Laden bestellt hatten. Als ich es dann in unserem Shop in Berlin wiederentdeckt habe, musste ich es mir einfach noch ein zweites Mal sichern.
Gibt es eine Begegnung mit einem japanischen Designer, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Da denke ich sofort an Yohji Yamamoto. Seine Kollektionen führe ich bereits seit 2003 in meinem Laden. Wir haben schon einige Projekte gemeinsam realisiert – besonders in Erinnerung geblieben ist mir die traumhafte Modenschau 2013 in der St.-Agnes-Kirche in Kreuzberg. Beeindruckend finde ich die absolute Selbstverständlichkeit, mit der Herr Yamamoto in seinem Showroom sitzt und mit den Einkäufern spricht. Letztes Jahr habe ich ihn sogar zufällig auf der Straße in Tokio getroffen. Ich bewundere seine unerschöpfliche Kreativität und die Tatsache, dass er es schafft, Kollektionen zu entwerfen, die nicht nur mich, sondern auch ein jüngeres Publikum begeistern – und die sich heute besser verkaufen denn je. Unsere langjährige Zusammenarbeit ist für mich ein großes Geschenk.
Was ist Ihre spannendste Neuentdeckung aus Japan derzeit?
Die erste Damenkollektion von Taiga Takahashi hat mich komplett umgehauen. Dahinter steckt eine traurige Geschichte: Der Designer ist viel zu früh und völlig unerwartet verstorben. Seine Mutter führt das Unternehmen nun gemeinsam mit seinem ehemaligen Team weiter und hat eine absolut wunderbare Damenkollektion entwickelt. Die Verarbeitung ist perfekt, das Design minimalistisch und detailreich zugleich. Ich freue mich sehr darauf, sie im Herbst bei uns im Laden präsentieren zu können.