Ruhiges Kino: Wie Skandinavien die Leinwand erobert

Ruhiges Kino: Wie Skandinavien die Leinwand erobert

Von links: die Schauspieler:innen Pilou Asbaek, Alicia Vikander, Nikolaj Coster-Waldau und Noomi Rapace, fotografiert in London am 20. Januar 2026. (Foto: Heather Sten)

Elle Fanning laufen die Tränen übers Gesicht. Als sie zum ersten Mal in Lars von Triers Film „Sentimental Value“ auf der Leinwand zu sehen ist, zeigt sie ihre Emotionen so offen, dass es fast irritierend wirkt. Denn der Streifen über den erfolgreichen schwedisch-norwegischen Regisseur Gustav Borg (Stellan Skarsgård), der sich mit einem neuen Projekt seinen entfremdeten Töchtern annähern will – Nora (Renate Reinsve), einer Schauspielerin, und Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas), einer Historikerin, – erzählt die Geschichte vor allem über subtile Gesten und ruhige Dialoge. In der Rolle der amerikanischen Schauspielerin Rachel Kemp macht Fanning mit ihren Tränen also nicht nur die Unterschiede zwischen skandinavischer und amerikanischer Schauspielkunst deutlich, sondern auch die zwischen den beiden Kulturen. Die nordische Art, zeigt uns von Trier, ist kontrolliert und zart zugleich. Der amerikanische Stil? Manchmal too much. „Sentimental Value“ hat auch in den USA gefallen, im vergangenen März gewann er den Oscar als Bester Internationaler Film. Skandinavien hat schon viele spannende Schauspieler:innen hervorgebracht – und es sind vor allem die einheimischen Regisseur:innen selbst, die sie international bekannt machen. „Die erfolgreichen nordischen Regisseure bringen ihre Schauspiel- Talente oft selbst mit“, sagt der 44-jährige Däne Pilou Asbaek. Er ist in drei Filmen von Tobias Lindholm zu sehen, darunter „A War“ (2015). Die 38-jährige Renate Reinsve wuchs im norwegischen Dorf Solbergelva auf; sie hat bereits zweimal mit von Trier zusammengearbeitet. Der 74-jährige Stellan Skarsgård wiederum hat in sieben Filmen mit von Trier gearbeitet, darunter „Breaking the Waves“ (1996) und „Melancholia“ (2011) – sie zementierten seinen Ruf als einem der großen Charakterdarsteller unserer Zeit. „Die meisten skandinavischen Filme werden staatlich gefördert. Das bedeutet, dass man nicht unbedingt eine Million Kinokarten verkaufen und auch keine internationalen Superstars engagieren muss“, sagt Asbaek.

Alle paar Jahre setzt ein anderes Land neue Maßstäbe für das Arthouse-Kino und erzählt weltbewegende Geschichten – von der französische Nouvelle Vague in den 1960ern über die USA in den Nullerjahren und zuletzt: Südkorea. Das wachsende Interesse für skandinavische Produktionen dürfte ein Zeichen dafür sein, dass sich viele Zuschauer:innen von intimen, mitunter tragikomischen Geschichten über unperfekte, nahbare Menschen angesprochen fühlen. Diese Filme erfordern die Aufmerksamkeit der Zuschauer:innen und eine sorgfältige Betrachtung der Gesichter der Menschen mit allen Falten und Hautunreinheiten. Seelenzustände werden subtil ergründet: „Psychologie schlägt Brutalität“, sagt Asbaek. „Wir können uns keine großen Schießereien oder Computeranimationen leisten, deswegen konzentrieren wir uns lieber auf spannende Charaktere, die unter Druck schwierige Entscheidungen treffen müssen.“ Ein gefeierter skandinavischer Schauspieler zu werden, ein Romanautor wie Karl Ove Knausgård, ein Künstler wie Bjarne Melgaard oder Popstar wie Lykke Li, bedeute, „sich mit der eigenen Angst anzufreunden“, sagt Renate Reinsve. Die schwedische Schauspielerin Noomi Rapace, 46, die eine Hauptrolle in Niels Arden Oplevs Verfilmung von Stieg Larssons „Verblendung“ (2009) sowie den zwei Fortsetzungen spielte und inzwischen in London und Lissabon lebt, sagt: „In Skandinavien leben die Menschen wie unter einer Wolke aus Depressionen und Alkohol. Es herrscht eine schwermütige Energie.“ Inga Ibsdotter Lilleaas, 37, deren Eltern in ihrer norwegischen Heimatstadt Gol eine Theaterproduktions-Firma betreiben, fügt hinzu: „Wir sind verschlossen und behalten unsere Gefühle eher für uns. Und ich denke, das beeinflusst auch, wie wir als Schauspieler arbeiten.“

Die „Sentimental Value“-Darsteller:innen Stellan Skarsgård, Renate Reinsve und Inga Ibsdotter Lilleaas, fotografiert in Los Angeles am 10. Januar 2026. (Foto: Heather Sten)

Es gibt unzählige Unterschiede zwischen Dänemark, Norwegen und Schweden – aus historischen, kulturellen und sprachlichen Gründen werden Finnland und Island im Allgemeinen nicht als Teil Skandinaviens betrachtet – doch in allen drei Ländern wird Kultur gefördert. „Wir haben eine starke staatliche Kulturförderung für unsere Theater“, sagt der Däne Nikolaj Coster-Waldau, 55, der den Ritter Jaime Lannister in „Game of Thrones“ spielte. In Dänemark, sagt er, „kann man als Theater-Schauspieler seinen Lebensunterhalt verdienen. In den USA schafft man das nur mit einer großen Broadway-Show mit langer Laufzeit.“ Stellan Skarsgård hat seine Leidenschaft vererbt: Sechs seiner acht Kinder sind ebenfalls Schauspieler:innen, darunter seine Söhne Alexander, 49, und Bill, 35. Obwohl Vater Skarsgård – „insgeheim“, wie er sagt – froh ist über die Berufswahl seiner Kinder, hat er immer darauf geachtet, sie selbst entscheiden zu lassen. „Wir haben hier mehr Respekt vor der Schauspielerei als Beruf“, sagt er. „Als ich nach Amerika kam, fragten sie mich: Was machst du beruflich? Ich bin Schauspieler, sagte ich stolz. Die Reaktion: Nicht noch einer!“

Alle diese Schauspieler:innen teilen den Eindruck, dass das internationale Interesse an skandinavischen Filmen gewachsen ist. Was diese ausmache: Bescheidenheit. In einer Kultur, die Egalität hoch bewertet, wolle man lieber nicht auffallen, erklärt die Norwegerin Reinsve: „Als ich nach Amerika kam, musste ich erst lernen, meine Individualität anzunehmen.“ Dieses Gefühl teilt auch Alicia Vikander, 37, die 2016 für Tom Hoopers „The Danish Girl“ einen Oscar gewann und sich dennoch lange Zeit schwer tat, sich als Schauspielerin zu bezeichnen. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Sache ist“, sagt die Schwedin. Der Eindruck der Bescheidenheit zieht sich auch durch die skandinavischen Produktionen selbst. Oft stellen sie jenes Leben der Mittelschicht dar, von dem in aktuellen Hollywood- Streifen wenig zu sehen ist. Es ist kein Zufall, dass das Familienhaus in „Sentimental Value“, ein stiller Zeuge von generationsübergreifenden Traumata und Schmerzen, Risse in den Wänden hat.

Als jüngster Zugang in der skandinavischen Erfolgs-Truppe muss sich Inga Ibsdotter Lilleaas jetzt mit ihrem neu errungenen Ruhm auseinandersetzen. „Amerikaner scheinen kein Problem damit zu haben, über ihre Erfolge zu sprechen“, hat sie festgestellt. Kürzlich sorgte die unkonventionelle, virale Marketingkampagne des amerikanischen Oscar-Anwärters „Marty Supreme“ mit Timothée Chalamet für maximale Aufmerksamkeit. Dieses Budget hatte „Sentimental Value“, ein kleiner Film über Trauer und Enttäuschung, nicht. Und trotzdem hat er sein Publikum gefunden. „Ich finde Timothée Chalamet ist ein großartiger Schauspieler“, bemerkt der Däne Nikolaj Coster-Waldau. „Aber er redet davon, der Größte zu sein – als sei Kunst ein Spiel, das man gewinnen könne. Vielleicht hat er recht“, setzt er hinzu, „aber ich sehe das anders.“