Ich weiß noch, wie schockiert ich war vor etwa 15 Jahren, als ich um 21:00 Uhr ein damals sehr angesagtes Restaurant in Los Angeles betrat („Church and State“) und es fast leer vorfand. Ich nahm an, dass man in L.A. eben ein bisschen später essen geht und die Gästewelle noch kommen würde. Als ich dann aber die genervten Gesichter der Kellner bemerkte und sich herausstellte, dass die Küche bald schließen würde, dämmerte es mir: „L.A. is for people who sleep“ – eine Songzeile, die Madonna 2005 in ihrem Hit „I Love New York“ sang. Und sie erklang folglich in meinen Ohren.
Ja, ich wusste von meinen Freund:innen, die im Film-Business arbeiteten, dass sie gegen fünf Uhr morgens aufstehen, ein Workout absolvieren, etwas sehr Gesundes frühstücken und dann im nervenzerrüttenden Morgenverkehr zur Arbeit fahren. Aber selbst der Top-Movie-Executive verließ schon gegen 17 Uhr sein Büro und war dann, na klar, um 18 Uhr bereit zum Dinner. Unvorstellbar in Europa!
Dann kamen die Pandemie und das Homeoffice. Und alles änderte sich. In den USA gilt ausgerechnet die Gen-Z als Fan des Early Dinners. 53 Prozent der jüngeren Restaurant-Besucher:innen dort, so ergaben es Datenerhebungen der Reservierungs-Plattform Open Table, gehen bevorzugt früher essen. Sind wir wirklich so spießig geworden und essen zu Kinderzeiten um sechs unser Abendbrot? Oder ist das frühe Dinieren vielleicht doch eine ganz gute Sache?
Klar ist: Mit der Verbreitung des Homeoffice entfällt für viele Schreibtischtäter der Weg zur und von der Arbeit. Großstädter sparen da locker 30 bis 45 Minuten pro Strecke täglich. Und weil man den ganzen Tag fleißig am Bildschirm gesessen, sich mittags nur schnell ein Brot geschmiert oder einen Joghurt gelöffelt hat, knurrt der Magen natürlich am frühen Abend. Der Weg zum Kühlschrank und zum Herd? Vier Meter Luftlinie. Man muss nicht erst im „Lanserhof“ gewesen sein – dort wird das Dinner übrigens schon um 17 Uhr reserviert –, um zu wissen, dass es für den Körper ganz gut ist, wenn man sein Abendmahl vor dem Schlafengehen halbwegs verdaut hat. Eine Ärztin sagte mir einmal: „Sie tanken ja auch nicht Ihren Wagen voll und fahren dann nicht los.“ Verstanden.
Doch beim Abendessen ging es kulturgeschichtlich nie nur um Nahrungsaufnahme. Seit der Antike ist die gemeinsame Mahlzeit ein sozialer Höhepunkt des Tages. Schon bei den Griechen war das Symposion ein Ort des Gesprächs, der Debatte und manchmal auch der Inspiration. Der französische Gastronom Jean Anthelme Brillat-Savarin schrieb Anfang des 19. Jahrhunderts den berühmten Satz: „Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist.“ Gemeint war damit nicht nur das Essen selbst, sondern die gesamte Kultur des gemeinsamen Tafelns. Das Dinner ist Bühne und Ritual zugleich – ein Moment, in dem der Tag in Geschichten übergeht.
Auch Schriftsteller haben immer wieder über die besondere Qualität des gemeinsamen Essens geschrieben. Virginia Woolf bemerkte einmal, dass man „nicht gut denken, gut lieben oder gut schlafen kann, wenn man nicht gut gegessen hat“. Vielleicht erklärt das, warum wir uns so sehr auf das Abendessen freuen: Es ist die Pause zwischen Pflicht und Nacht, zwischen Arbeit und Privatleben. Am Tisch wird erzählt, gestritten, gelacht, sich manchmal auch versöhnt. Ein gutes Dinner ist im besten Sinne ein kleines gesellschaftliches Ereignis.
Für Restaurantbetreiber:innen ist unser verändertes Zeitgefühl jedenfalls nicht unbedingt schlecht. Viele Häuser arbeiten inzwischen mit zwei Belegungen: eine um 18 Uhr, die zweite gegen 20:30 Uhr. Während die ersten Gäste schon wieder aufbrechen – müde von Arbeit und Alltag –, nehmen die Nachzügler Platz: Theaterbesucher:innen, Nachtschwärmer:innen oder Anhänger:innen der alten, mediterranen Dinnerzeiten. So lassen sich Personalkosten besser planen und gleichzeitig mehr Gäste bewirten.
Wie finden wir also diese Verschiebung hin zu früher, gesünder, vielleicht auch vernünftiger? Für Party-People wie Madonna ist das sicher indiskutabel. Wobei sie heute womöglich heimlich zu Hause auch – wie Gwyneth Paltrow es kürzlich andeutete – schon um sechs Uhr zu leichter Kost greift. 2005 zumindest sang sie voller Inbrunst:
Other cities always make me mad
Other places always make me sad
No other city ever made me glad except New York.
Das gute alte New York selbstverständlich – die Stadt, die niemals schläft. Und vielleicht gerade deshalb noch immer so gern spät zu Abend isst.