Warum plötzlich alle Sardinen essen

Die Sardine ist vom Alltagsprodukt zur Delikatesse einer neuen Genusskultur geworden. (Bild: Canva)

Eine Sardinendose liegt auf einem Keramikteller, daneben ein Stück Sauerteigbrot, gesalzene Butter, Zitronenzesten und ein Glas Vino. Ein Bild wie aus einer kleinen Bar in Porto – oder aus einer Altbauwohnung in Berlin. Wahrscheinlicher ist Letzteres. Vor wenigen Jahren wäre eine Dose Fisch kaum als Mittelpunkt eines Aperitiftellers vorstellbar gewesen. Heute ist sie ein Symbol für guten Geschmack und kulinarische Zugehörigkeit geworden.

Wer durch TikTok oder Instagram scrollt, stößt auf kunstvoll angerichtete „tinned fish boards“, Sammlungen illustrierter Konservendosen und Menschen, die von Reisen nach Portugal nicht nur Wein und Keramik, sondern auch Fischkonserven mitbringen. Die Sardine ist zum Souvenir geworden – nicht nur wegen ihres Inhalts, sondern wegen dessen, was sie verkörpert. Manche Dosen kosten mehr als ein Restaurantmittagessen und werden trotzdem ungeöffnet in Küchenregalen gesammelt, als wären sie weniger Lebensmittel als Designobjekte.

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Dass ausgerechnet Sardinen zum Mitbringsel einer Lissabon-Reise geworden sind, ist kein Zufall. Sie lassen sich problemlos im Handgepäck transportieren und passen perfekt zu jener mediterranen Lebensart, die in sozialen Medien als „Euro Summer“ romantisiert wird: lange Abende auf kleinen Plätzen, Naturwein, Keramikgeschirr, Marktbesuche und einfache Mahlzeiten. Die Dose wird damit nicht nur zu einer Erinnerung an einen Ort, sondern an eine bestimmte Vorstellung vom Leben.

Dabei ist die Annahme, Sardinen seien erst jetzt von der Krisenreserve zur Delikatesse aufgestiegen, historisch falsch. In Portugal, Spanien und Teilen Frankreichs gehören hochwertige Fischkonserven seit Jahrzehnten zur Esskultur. Manche Produzenten behandeln ihre Produkte fast wie gereifte Weine: mit limitierten Auflagen, besonderen Jahrgängen und sorgfältig gestalteten Verpackungen. Kunstvoll bedruckte Dosen sind dort schon lange Teil regionaler Identität. Neu ist also nicht die Sardine – neu ist unsere Aufmerksamkeit für sie.

Doch die Sardine hätte den Sprung vom Vorratsschrank auf den Esstisch nicht allein mit einer schönen Verpackung geschafft. Die Sardine erfüllt fast beiläufig viele der Kriterien, nach denen sich viele heute ernähren wollen: viel Protein, Omega-3-Fettsäuren, Vitamin D, Vitamin B12 und Calcium – bei einer Zutatenliste, die oft kaum länger ist als „Fisch, Olivenöl, Salz“. Während Superfoods jahrelang mit immer komplexeren Versprechen vermarktet wurden und Proteinriegel oder Nahrungsergänzungsmittel zunehmend künstlich und industriell wirken, erscheint die Sardine fast trotzig unoptimiert. Sie muss sich nicht neu erfinden. Gerade darin liegt ihre Attraktivität. Nach Jahren, in denen Exotik und kulinarische Spektakel den Ton angaben, gewinnen Lebensmittel wieder an Prestige, die nie behauptet haben, etwas anderes zu sein als gutes Essen: Butter, Tomaten, Olivenöl, Sauerteigbrot – und eben Sardinen. Der neue Luxus liegt weniger im Außergewöhnlichen als in Dingen, die eine Geschichte erzählen können.

Vielleicht erklärt das auch, warum gerade jüngere Generationen so stark auf die kleine Dose reagieren. Die Sardine steht für eine Welt, die vielen vertraut erscheint, obwohl sie sie nie selbst erlebt haben: analoge, entschleunigte Küstenstädte, Familienbetriebe und einfache Mahlzeiten ohne ständigen Optimierungsdrang. Die Kulturwissenschaftlerin Svetlana Boym beschrieb diese Form der Nostalgie als Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die nicht unbedingt die eigene sein muss.

Die Sardinendose ist damit mehr als ein Lebensmittel. Sie ist ein Objekt, an dem sich mehrere Sehnsüchte der Gegenwart heften: der Wunsch nach Authentizität in einer Zeit permanenter Inszenierung, nach Langsamkeit in einer digitalen Umgebung und nach Genuss, der nicht über Exklusivität definiert wird. Ausgerechnet eine Konserve, die einst für Haltbarkeit und Zweckmäßigkeit stand, ist zu einem Symbol für das Gegenteil geworden: für Spontaneität, Handwerk und ein Leben, in dem es weniger um Effizienz als um Atmosphäre geht. Vielleicht erleben Sardinen deshalb gar kein Comeback. In Portugal, Spanien oder Frankreich waren sie als Delikatesse nie verschwunden. Verändert hat sich nicht der Fisch, sondern die Bedeutung, die wir ihm geben. Die Sardine passt in eine Zeit, die geprägt ist von der Sehnsucht nach Dingen, die sich echt anfühlen – nach Herkunft statt Austauschbarkeit, nach mediterraner Gelassenheit statt Geschwindigkeit, nach Einfachheit, die inzwischen zum Luxus geworden ist. Der Sardinen-Hype erzählt am Ende weniger von einem neuen Lebensmittel als von einer Generation, die versucht, Authentizität in einer bunt bedruckten Dose nach Hause zu tragen.