Wie Offline-Zeit zum neuen Luxus wird

Wie Offline-Zeit zum neuen Luxus wird

Entspannen ohne Handy – wie in alten Zeiten? Heute der größte Luxus. (Foto: Getty Images)

Wann haben Sie sich zuletzt so richtig gelangweilt? Manchmal fragt man sich, wie sich Menschen in den 80er Jahren ihre Zeit vertrieben haben. Denn in Zeiten von durchschnittlich 3 Stunden Bildschirmzeit kommt neben Alltag und Beruf selten eine Pause auf. Zu praktisch ist es, einfach ein bisschen durch den Feed zu scrollen. Doch das ist längst nicht mehr nur ein entspannter Zeitvertreib. Ständige Erreichbarkeit und der Drang, über das Geschehen auf der Welt informiert zu sein – seien es politische Krisen oder Popkultur zum Mitreden – zwingen uns in beinahe jeder freien Minute auf das Handy zu schauen. Da ist es kein Wunder, dass Offline zu sein zur neuen Auszeit, zum neuen Luxus wird. Freund:innen kündigen in ihren Instagram-Stories an, dass sie für eine Woche nur per SMS erreichbar sind – damit sich niemand wundert. Ein paradoxes Bild. Wir nutzen soziale Netzwerke, um unseren Rückzug aus ihnen anzukündigen. Weil die digitale Isolation allein im Kämmerchen aber oft schwerfällt, verlagert sich der Digital Detox zunehmend in den öffentlichen Raum. Was als individueller Selbstversuch begann, hat sich mittlerweile zu einer kollektiven Bewegung entwickelt.

Bestes Beispiel hierfür ist „The Offline Club“, eine Initiative, die in den Niederlanden ihren Anfang nahm und sich rasch wie ein Lauffeuer in europäischen Metropolen ausbreitet. Das Konzept ist denkbar einfach, aber in unserer heutigen Zeit radikal: Menschen treffen sich in Cafés, Bars oder gemieteten Sälen, geben am Eingang ihr Smartphone ab und verbringen mehrere Stunden komplett analog.
Die Atmosphäre bei solchen Treffen unterscheidet sich grundlegend von normalen Kaffeehausbesuchen. Statt des typischen Bildes von Menschen, die schweigend auf Bildschirme starren, wird hier gelesen, gestrickt, gezeichnet oder ganz ungezwungen miteinander gesprochen. Die Hemmschwelle, Fremde anzusprechen, sinkt drastisch, wenn die digitale Fluchtmöglichkeit in der Hosentasche fehlt. Es entsteht ein Raum für echte Präsenz, echtes Zuhören und eine Ruhe, die im Alltag selten geworden ist.

Lesen in der Natur, ganz analog. (Foto: Courtesy of The Offline Club)

Neben klassischen Gastronomiekonzepten etabliert sich das Format der sogenannten „Silent Reading Parties“. Bei diesen Treffen steht das gemeinsame, lautlose Lesen physischer Bücher im Vordergrund. Wer es lieber praktisch mag, flüchtet sich in „Offline Craft Clubs“. Die rasant wachsende Bewegung von „The Offline Club“ veranstaltet in ihren Chaptern in Hamburg, Berlin und Köln mittlerweile spezielle Handarbeits- und Kreativ-Hangouts. Ob beim gemeinsamen Stricken, Skizzieren oder Töpfern – der Fokus liegt hier ganz auf der handwerklichen Arbeit, sodass gar kein Platz für digitale Ablenkung bleibt.

Endlich offline. Zum Beispiel in der „Raus“-Cabin bei Waldteich in der Nähe von München. (Foto: Raus/Christina Neubauer)

Neben den Offline-Hangouts im urbanen Raum wird jetzt auch der Urlaub eine echte analoge Auszeit. Orte wie die finnische Insel Ulko-Tammio, die Besucher:innen aktiv dazu auffordert, ihre Smartphones in der Tasche zu lassen und stattdessen die Natur mit allen Sinnen wahrzunehmen, sind erst der Anfang. Längst haben spezialisierte Hotels und Unterkünfte, auch im deutschsprachigen Raum, nachgezogen. Das historische Berghüs am Grünten im Allgäu beispielsweise setzt in seiner Alleinlage auf den bewussten, fast vollständigen Verzicht von Handyempfang und WLAN. Wer Luxus und Digital-Fasten kombinieren möchte, findet in Orten wie dem Wellnesshotel Die Wasnerin im österreichischen Bad Aussee eigens konzipierte „Offline Suiten“ ohne Fernseher, Radio oder Internet. Auch das Hotel Nesslerhof im Salzburger Land bewirbt das Konzept der „silentNESS“, um sich vom digitalen Dauerrauschen zu entkoppeln. Für den kürzeren Rückzug bieten Tiny-House-Konzepte, wie die des Anbieters „Raus“, eine Fluchtmöglichkeit an: Hier weichen Bildschirme ganz bewusst Gesellschaftsspielen und dem Kochen bei Kerzenschein. Früher Infrastrukturmangel, heute Premium-Feature und exklusives Verkaufsargument. Endlich Ruhe!

Denn im Alltag begegnet uns vor allem digitale Reizüberflutung. Der Luxus der Gegenwart besteht nicht mehr darin, überall und jederzeit Zugriff auf Informationen zu haben, sondern in der Freiheit, genau das Gegenteil zu tun. Indem wir uns Räume schaffen, in denen Erreichbarkeit unmöglich ist, gewinnen wir die Kontrolle über unsere Aufmerksamkeit zurück. Am Ende ist der Verzicht auf das Smartphone kein Verlust, sondern der Gewinn von Lebensqualität, tieferen Beziehungen und dem wertvollsten Gut überhaupt: ungeteilter Zeit im Hier und Jetzt.