Im Juni hängen Pride-Flaggen an den Fenstern von Geschäften und Restaurants, Unternehmen aller Art schmücken sich mit Regenbogen-Profilbildern auf Social Media. Und auch die Welt der Kulinarik bleibt nicht verschont; etwa in Form von bunten Torten und Keksen in den Pride-Farben. Zuckersüßes Queerwashing. Bei der Queer-Food-Bewegung allerdings kann es um gewöhnliches Essen gehen, das durch seinen Kontext eine andere Bedeutung bekommt, durch die, die es kochen, die, die es essen, und den Ort, an dem das passiert.
Die Financial Times widmete diesem Thema kürzlich einen langen Text mit eben dieser These. Als Beispiel taugt die Quiche. In den Siebzigern von der schwulen Community in New York als elegantes Brunch-Gericht adoptiert, wurde sie ein Jahrzehnt später zum Symbol des konservativen Backlash, festgehalten im Buchtitel „Real Men Don't Eat Quiche“. Das Gericht blieb dasselbe, seine politische Ladung kippte mit denen, die es aßen und mit denen, die dagegen schrieben.
Was queere Gastronomie historisch ausgezeichnet hat, waren vor allem Orte, an denen man in Ruhe gelassen wurde. In den USA waren es Automatenrestaurants, in denen das Personal diskret blieb und unbegleitete Frauen essen durften – was lesbische Begegnungen ermöglichte, ohne Aufsehen zu erregen. In Amsterdam öffnete 1927 die lesbische Wirtin Bet van Beeren ihr Café 't Mandje. Zu einer Zeit, in der Homosexualität gesellschaftlich nicht geduldet war, empfing sie dort Matrosen, Intellektuelle und alle, die anderswo keinen Platz fanden. Das Café existiert bis heute. Auch die queere Kochbuchautorin und Essayistin Elizabeth David, bisexuell und ihrer Zeit weit voraus, prägte die britische Küche der Nachkriegszeit nicht trotz, sondern wegen ihrer Weigerung, Essen als Haushaltsmanagement zu denken.
Der Gedanke des Tisches im Restaurant als Schutzraum und das Essen als Akt der Selbstermächtigung zieht sich bis heute durch. In London betreibt der iranisch-amerikanische Koch Farsin Rabiee mit seinem Partner das irakisch-iranisches Café Logma in Hackney als Hub für queere Menschen aus dem arabischen und persischen Diaspora-Kontext, die sich in klassischen Nahost-Restaurants unwohl fühlen. In New York wurde das 24-Stunden-Diner Florent im Meatpacking District während der Aids-Krise zur Zuflucht – der HIV-positive Betreiber postete seine T-Zellzahl auf der Tageskarte, um die Krankheit zu entstigmatisieren. Dass derselbe Stadtteil heute zu den teuersten der Stadt gehört, ist kein Zufall. Queere Communitys waren oft die ersten, die brachliegende Orte belebten und damit Stadtgeschichte schrieben.


Auch im europäischen Raum existiert diese Praxis längst, nur selten unter diesem Namen. Amsterdam hat mit Abstand die dichteste queere Gastronomie-Szene des Kontinents, vom natürlichen Weinlokal mit levantinischer Küche bis zum trans-geführten Kulturcafé. Wien pflegt eine queere Lokalkultur, die tief ins Kaffeehaus-Erbe eingeschrieben ist. Das Villa Vida Café im queeren Gemeindezentrum Türkis Rosa Lila Villa serviert seit Jahrzehnten Mittagsmenüs, veranstaltet Filmabende und den legendären Queens Brunch. In Berlin zählen Orte wie das Hoven im Kreuzköllner Kiez oder die Raststätte Gnadenbrot längst zum Stadtbild. Lieferando veröffentlichte 2024 einen queerfreundlichen Restaurantführer mit 80 Lokalen aus 40 deutschen Städten. Ein Hinweis darauf, wie real der Bedarf ist, aber auch darauf, wie sehr er noch vor allem aus dem Sicherheitsbedürfnis heraus gedacht wird.
Denn was im deutschsprachigen und kontinentaleuropäischen Kontext noch fehlt, ist die klare Benennung und Diskussion. Im angloamerikanischen Raum sind mehrere Bücher erschienen, die queere Beiträge zur Kulinarik historisch verankern und öffentlich sichtbar machen. Eine eigene Queer Food Foundation gibt es, eine jährliche Konferenz zuletzt in Montreal; eine Zusammenarbeit mit der James Beard Foundation, die queere Köch:innen auszeichnet. In Europa gibt es bislang vor allem einen akademischen Call for Papers. Der Diskurs kommt nach, die Küchen sind ihm voraus.
Queerness in der Küche war immer schon da. Yotam Ottolenghi beschreibt seinen Stil als „camp“ – übertrieben, regellos, ernsthaft im Genuss. Elizabeth David schrieb über Butter und Knoblauch wie eine Befreiungserklärung. Bet van Beeren schenkte in Amsterdam Jenever aus, solange es nötig war. Keiner von ihnen hat es je als Programm bezeichnet. Der Begriff holt jetzt nach, was die Praxis längst weiß: dass Essen dann politisch wird, wenn entschieden wird, wer sich an den Tisch setzen darf.